FANDOM


Kommentar zu M. Klonovskys Radfahren. Kleine Philosophie der Passionen Bearbeiten

Accessories-dictionary
Radfahren
Autor Michael Klonovsky
Veröffentlichungsdatum 2006
Veröffentlicht von Deutscher Taschenbuch Verlag
ISBN ISBN 3-423-34289-7

Diese Buchkritik wurde erstmals abgedruckt im Infobull, der Vereinszeitschrift der deutschen und schweizer Liegeradler.

Autor: Michael Klonovsky, Radfahren, Kleine Philosophie der Passionen, 128 Seiten, 2. Auflage September 2006, ISBN 3-423-34289-7

Serpentinen-Libido Bearbeiten

… so lautet der Titel der Einleitung aus Michael Klonovskys Büchlein Radfahren in der dtv-Reihe Kleine Philosophie der Passionen. In diesem ersten Kapitel steht fast alles Wesentliche drin. Die weiteren Kapitel erscheinen eher als Ausschmückung, Verzierung, unnötige Verschnörkelung oder gar Seitenschinderei.

Vielleicht kann man über Radfahren als Passion wirklich nicht viel schreiben. Denn Passion ist eine Sache des Gefühls und Gefühle wirklich zu beschreiben ist wohl unmöglich.

Was ist dann mit den Tonnen von Papier, die mit Liebesromanen bedruckt werden? Dort werden Gefühle nicht beschrieben, sondern geweckt. Nicht die wirklichen Gefühle, sondern nur schwache Erinnerungen oder Vergleiche oder auch nur die Sehnsucht nach dem eigentlichen Gefühl.

Genauso ist es mit Büchern über das Radfahren. Sie wecken Erinnerungen an Gefühle und/oder die Sehnsucht nach Gefühlen. Die Sehnsucht ist auch ein Gefühl – aber ein anderes. Das Gefühl selbst kommt erst am Berg. Klonovsky schafft es deshalb nicht, das Gefühl des Bergradelns zu vermitteln. Sein Buch ist eher eine Autobiographie mit aufgepropften pseudophilosophischen Gedankensplittern.

Aber erstmal zurück zum Gefühl. Er schreibt: „Der Anblick einer bergauf führenden […] Serpentinenstrasse“ löse ihn ihm Gefühle aus von ähnlicher Intensität wie der Anblick einer schönen Frau. „Sozusagen einer Frau mit zehnprozentiger Steigung.“ Sind die Gefühle nur von ähnlicher Intensität? Oder nicht auch von ähnlicher Qualität? Sind Gefühle nur eindimensional, haben also nur Intensität und sonst keine weiteren Eigenschaften? Wenn es nur um Intensität ginge, dann könnte man anstatt des Anblicks der schönen Frau jede andere Gefühlsanregung genauso einsetzen, den Anblick eines saftigen Steaks zum Beispiel oder auch nur den Harndrang.

Natürlich geht es nicht nur um die Intensität. Die Überschrift des Kapitels deutet ja an, daß diese Gefühle nicht nur in ihrer Intensität ähnlich sind, sondern eben auch in ihrer Qualität.

Er beschreibt das Radfahren auch als Mittel gegen „plötzlich hereinbrechende […] sexuelle Notdurft beziehungsweise gleichursächliches Herzeleid“. Dazu meint er, man könne auf dem Rad nahezu jeden Schmerz vertreiben, in dem man einfach einen stärkeren draufsetzt. Dieser arme Mann! Hätte er ein Liegerad anstelle seiner Eierfeile, dann wüßte er, daß er sich nicht mit einem anderen Schmerz betäuben müßte, sondern die entgangenen Lustgefühle durch diejenigen auf dem Liegerad ersetzen kann.

Außerdem scheint seine immer wieder zur Schau gestellte Belesenheit nicht bis zu Freud zu reichen. Sonst hätte er die Sublimierung des Sexualtriebs erwähnt und wäre nicht bei dieser dümmlichen Schmerz-draufsetz-Hypothese stehen geblieben. Übrigens ist das ganze Buch durchzogen von diesem Rennradfahrermasochismus.

Klonovsky schreibt, die Überwindung Schmerz erzeugender Widerstände führe zum größten Glücksgefühl. Immer wieder bezieht er sich auf Philosphen und andere gewichtige Autoren. Hier hätte er die Chance mal einen Philosophen zu zitieren, der wirklich was zum Thema zu sagen hat. Aber nein, den Schopenhauer hat er total vergessen. Glück ist bei Schopenhauer die Beendigung des Leidens[1]. Daß das nicht ganz stimmt, weiß jeder begeisterte Bergradler. Das Oben-Ankommen ist jedoch unbestritten das höchste Gück, also wenn die Anstrengung ein Ende hat. Physiologisch gesehen, liegt das wohl daran, daß die Endorphine noch vorhanden sind, aber die Ursache für deren Ausschüttung verschwunden ist. In diesem Zustand noch eine schönes Panorama vor Augen zu haben, versetzt Dich in einen Glückszustand, den die eigentlich bemitleidenswerten Motortouristen nie erleben werden.

Das Rennrad – das beste aller möglichen Fahrräder? Bearbeiten

Für Klonovsky scheint es zum Rennrad keine Alternative zu geben. Nur kurz erwähnt er mal das Mountain Bike. Liegeräder existieren für ihn anscheinend gar nicht. Da fällt mir Voltaires Roman Candide ein. Selbst wenn der Herr Klonovsky einige Kilometer auf dem Liegerad gefahren wäre, hätte er dieses El Dorado wie Candide mit mehreren Goldeseln voll Glücksgefühlen wieder verlassen, um seine Kunigunde bzw. den Schmerz wiederzufinden. Selbst die eigene Erfahrung, daß es Besseres gibt, würde ihn nicht von seiner Rennradfixierung erlösen, denn der Glaube an die eine bestmögliche aller Welten haben ihm die Philosophen bzw. die Sportreporter zu lange eingetrichtert.

Zieht man in betrachtet, daß Klonovsky nicht nur Philo-Philosoph ist, sondern auch noch mit Geistesarbeit seine Brötchen verdient, ist die ihm innewohnende Denkhemmung doch etwas überraschend. So schreibt er (S. 41):

„Dass man sitzt, ist ein wichtiger Aspekt […]“

Warum kommt er nicht auf die Idee, dass liegen noch besser sein könnte?

„Helle Hosen sind halt schlecht, weil man doch mal die Kette berührt.“

Klar, Rennräder haben keinen Kettenschutz. Der kommt auch nicht in Frage, denn seine Vorbilder, die Radprofis fahren auch ohne Kettenschutz. Ja nicht drüber nachdenken!

„Schuhe wirft man nach einem Platzregen weg […]“

Auch klar, auf einem Rennrad ohne Vorderradschutzblech spritzt der ganze Dreck direkt auf die Schuhe. Journalisten sind ja keine Problemlöser, sondern Tatsachen-Berichter.

„Täglich radfahren und zugleich gut gekleidet sein […] ist unmöglich.“

Zugleich vielleicht nicht, aber er könnte sich ja umziehen. Auch das geht mit dem Rennrad nicht so gut, weil man keine Gepäcktaschen hat, wo man den Anzug reinlegen könnte. Gepäcktaschen und Gepäckträger haben die großen Vorbilder auf der Tour de Farmazia ebenfalls nicht. Also kommt es für den philosophierenden Hobbyradler auch nicht in betrachtet.

„Wer sich für viele Stunden aus der Stadt davonstiehlt, muss einiges mitnehmen[…]“

Deshalb brauche man ein Trikot mit Rückentaschen. Wie schon gesagt, ein Rennrad darf keinen Gepäckträger haben.

U.a. müsse man Handschuhe mitnehmen, denn sonst schlafen die Finger ein. Auch im Sommer, denn der Druck des Oberkörpers auf die Handballen drückt das Blut ab. Tja, wer nicht liegen will muss fühlen.

„Ich fahre mit Helm, denn da ist mein Gehirn drin.“ (S. 78)

Wieso versucht er es dann mit Alkohol abzutöten? Von der Rennradfixierung zum Helmfetischismus ist es kein weiter Weg. Beides taucht bei den Sportübertragungen im Glotzophon inzwischen immer gemeinsam auf.

Philosophisches Bearbeiten

„Überhaupt kann man bei Niedrigpuls klar denken, und dann fällt mir auf, was für ein unglaublicher Schwachsinn es ist, seine Lebenszeit für Sport zu verschwenden.“

Ob Klonovsky das ironisch meint? Jedenfalls ist es offensichtlich, daß die geistige Bezwingung philosophischer Serpentinen (gemeint ist das Lesen schwieriger philosophischer Literatur), welche er im Kapitel „Die Kritik des reinen Pedaltretens“ so sehr lobt, ähnlich schwachsinnig ist, wie das Pässe-Radeln – insbesondere wenn es sich um „Hegel’sche Windbeuteleien und Afterweisheiten“ (O-Ton Schopenhauer) handelt.

Im Übrigen könnte die Beschäftigung mit seinem Buch als noch größerer „Schwachsinn“ bezeichnet werden. Trotzdem: So ganz übel, wie es vielleicht scheint, ist das Buch gar nicht. Als Radfahrer (auch im Alltag) hat Klonovsky natürlich einschlägige Erfahrungen mit den „Hochbegabten“ in ihrem „zwei Quadratmeter Ersatzuterus“ gemacht.

Zweiter Teil Bearbeiten

Der erste Teil dieser Kritik an dem Büchlein Radfahren aus der dtv-Reihe Kleine Philosophie der Passionen hatte hauptsächlich die Unmöglichkeit der Vermittlung des Gefühls des Bergradelns und den Rennradfetischismus des Autors zum Thema. Auch wenn Klonovskys philosophische Verirrungen und seine Fixierung auf’s Rennrad etwas befremdlich wirken: immerhin ist er Radfahrer (auch im Alltag!) und ist damit im Besitz jener Wahrheit, die von der hydrogenkarbonatverbrennenden aber noch immer zweibeinigen Masse meist ignoriert wird: „Radfahren ist die schnellste Fortbewegungsart, die dem Menschen aus eigener Kraft zu Gebote steht. Man ist auf dem Rad tatsächlich automobil.“

Die Gefühle beim Pässeradeln wurden bereits im ersten Teil diskutiert. Pässe haben aber noch einen anderen großen Vorteil: sie sind nicht mit straßenbegleitenden Radwegen verseucht. Auch das ist ein schönes Gefühl: auf der Straße zu fahren und zu wissen, daß die Bomberpiloten (O-Ton Apo-Opa Horst Esser) mich nicht auf den Radweg hupen können. Klonovsky erwähnt diesen Zusammenhang zwar nicht, aber er widmet dem Radwegproblem überraschend viel Raum: „… wenn einer dieser Hochbegabten am Lenkrad hupend an mir vorbeifährt und abwechselnd auf einen Radweg und seine Stirn deutet (es sind erstaunlich viele, die offenbar meinen, ich sollte dort Ausflugsfamilien über den Haufen oder mir wenigstens die Reifen kaputtfahren).“ Er weiß anscheinend, daß beim Autofahren das Gehirn auf Sparflamme läuft, das Rückenmark die Vorherrschaft übernimmt und es deshalb sinnlos ist, mit den Autlern zu diskutieren: „Da hilft nur der Stinkefinger.“ Dieses Zucken im Mittelfinger habe ich selbst oft genug, aber ob es wirklich hilft? Angenommen die Online-Petition der Initiative Cycleride zur Abschaffung der Radwegbenutzungspflicht hätte Erfolg: würde das wirklich viel ändern? – Mindestens zweimal hat mich sogar die Polizei versucht auf einen nicht benutzungspflichtigen Radweg zu verweisen. Für die Anderen, die hupenden Selbstjustizler, ist eh jede radwegähnliche Fläche benutzungspflichtig.

Vielleicht hilft Klonovskys Büchlein, das Radwegproblem ein bißchen mehr ins öffentliche Bewußtsein zu hieven, aber seine Rennradfixierung ist in diesem Fall eher kontraproduktiv: „Das Rennrad ist einfach zu schnell…. Es gehört nicht auf Radwege.“ Natürlich gehört das Rennrad nicht auf Radwege. Welches Rad gehört denn überhaupt auf Radwege? Die vielleicht um ein Drittel höhere Geschwindigkeit der Renn-(und Liege-)räder rechtfertigt keine Sonderbehandlung. Jeder Radfahrer sollte die Freiheit haben, die Straße benutzen zu dürfen. Auch der Verkehrswissenschaftler Heiner Monheim sagt „Fahrräder sind Fahrzeuge und gehören auf die Fahrbahn.“ Im Kommentar zur Straßenverkehrsordnung und diversen Gerichtsurteilen wird als Grund für die Radwegbenutzungspflicht die Sicherheit des Radfahrers angegeben. Das Opfer (Radfahrer) wird in seiner Freiheit eingeschränkt, während dem Täter (Autofahrer) noch mehr Vorrechte eingeräumt werden. Klonovsky weiß, daß das Auto das eigentliche Problem ist: „… würde ich die Welt, oder sagen wir zumindest: Bayern, an Sonntagen für Einwohner und Besucher schließen lassen. Sämtliche Straßen zehn Stunden für mich allein!“ Hier entsteht der Eindruck, er wolle wirklich allein sein. Der weitere Text zeigt aber, daß er eher an einen autofreien Sonntag denkt: „ … keine lärmenden Motorradfahrer, keine Abgaswolken an den Steigungen. Himmlische Ruhe und reinste Luft.“ Vermutlich war Klonovsky noch nie an einem autofreien Sonntag dabei. Er fährt ja auch nicht auf Radwegen. Hätte er das Chaos, das ausbricht, wenn die Nichtmorisierten unter sich sind, schon mal erlebt, würde er die Autos vielleicht mehr zu schätzen wissen. Wir brauchen die Autos! Erst die Tötungsdrohung der Kraftfahrzeuge bringt die nichtmotorisierten Verkehrsteilnehmer zur Disziplin.

Der Automobilismus ist ein Irrweg. Auch Klonovsky sieht das so ähnlich: „So haben wir uns auch damit arrangiert, dass Millionen jeweils viele hundert Kilogramm schwere Blechhaufen die Straße bevölkern, deren Fortbewegungsprinzip bislang noch darauf beruht, die in fossilen Stoffen gespeicherte Energie von Jahrmillionen via Verbrennung sekundenschnell in partiell giftige Gase zu verwandeln, welche dann vornehmlich von Fußgängern und Radfahrern inhaliert werden.“ Er hat anscheinend keine Hoffnung, daß der derzeit sogar in den Massenmedien erwähnte Oil-Peak, uns dem baldigen Ende des automobilen Wahnsinns näher bringt: „Einmal wird dieses verdammte Erdöl alle sein. Dann stinken sie wenigstens nicht mehr.“

Klar, das Bewußtsein der Menschen muß verändert (besser: geweckt) werden. Klonovsky versucht es mit einigen gängigen Anti-Auto-Argumenten: „Autos … verschlingen unglaublich viel Geld, obwohl sie die meiste Zeit herumstehen,…“ (Deshalb hat übrigens der Verkehrswissenschaflter Hermann Knoflacher die Kraftfahrzeuge als Stehzeuge bezeichnet.) „Obwohl Radfahren … viel gesünder ist, steigen dennoch Millionen Menschen jeden Morgen und jeden Abend in ihren zweieinhalb Quadratmeter Ersatz-Uterus, stehen im Stau, verstänkern die Luft, verschandeln die Städte…“

Klonovsky sieht aber auch, daß eine Bewußtseinsänderung schwer ist und verweist auf instinktmäßige Verstandesbremsen: „… der Renommieraspekt, der pekuniäre Potenznachweis…“ Doch die automobile Besessenheit ist nicht allein durch das Erbe unserer bäumekletternder Vorfahrern verursacht. Jeder kriegt es doch jeden Tag mit: wir sind beinahe ununterbrochen einer kaum entrinnbaren Gehirnwäsche der Massenmedien ausgesetzt. Klonovsky sagt das zwar nicht so direkt, aber auf S. 43 vergleicht er die Verschmutzung der Weltmeere durch Zivilsationsmüll mit der Verschmutzung der Gehirne durch Medienmüll. – Das schreibt der Chef vom Dienst des Focus-Magazins!

Fußnoten Bearbeiten

  1. Nachtrag: Auf S. 24 schreibt Klonovsky tatsächlich „Schmerz und Lust gehören zusammen[…]“ Also durchaus schopenhauerähnlich.

Störung durch Adblocker erkannt!


Wikia ist eine gebührenfreie Seite, die sich durch Werbung finanziert. Benutzer, die Adblocker einsetzen, haben eine modifizierte Ansicht der Seite.

Wikia ist nicht verfügbar, wenn du weitere Modifikationen in dem Adblocker-Programm gemacht hast. Wenn du sie entfernst, dann wird die Seite ohne Probleme geladen.

Auch bei FANDOM

Zufälliges Wiki