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Autofreies Stilfser Joch und autofreier Albulapass 2006 Bearbeiten

Dieser Reisebericht erschien im Infobull, der Vereinzeitschrift der schweizer und deutschen Liegeradler.

Wahnsinn? Bearbeiten

"Was? Mit dem Rad das Stilfser Joch rauf? Niemals! Ich bin doch nicht blöd! Das ist ja Wahnsinn"

Gemeint sind nicht die maximal 15% Steigung oder die 1850 zu überwindenden Höhenmeter. Denn was macht mehr Spaß als, richtig reinzutreten und trotzdem noch die Gelegenheit zu haben die schönen Berge, Wildbäche und Blumen am Straßenrand anzuschauen? Wahnsinn ist die Vorstellung in dieser Auto- und Motorradhölle Rad zu fahren. Aber das muss nicht sein. Zum Glück gibt es jedes Jahr Anfang September einen autofreien Tag am Stilfser Joch.

Gemeinsam mit fast 7000 anderen Radlern diese überwältigende Gebirgslandschaft ohne Lärm und Gestank zu genießen, ist ein unvergessliches Erlebnis.

Da einen Tag nach dem autofreien Tag am Stilfser Joch der Albulapass für den motorisierten Verkehr gesperrt ist, liegt es nahe, diese beiden Pässe mit einer Radtour zu verbinden.

Zugfahrt Bearbeiten

Direkt von der Arbeit weg nehme ich in Hamburg den Nachtzug nach Augsburg. Mein Dalli schläft im Fahrradabteil, ich im Liegewagen. Von Augsburg geht es über Ulm, Lindau und Begrenz mit zweimaligem Umsteigen nach Bludenz. Inzwischen ist es schon ziemlich warm und ich bin froh endlich auf meinem Radl zu liegen.

Silvretta Bearbeiten

Blick auf die Silvrettagruppe.jpg
Silvretta Aufstieg West Stausee Dalli.jpg

Stausee am westlichen Aufstieg

Bald schon erwartet mich der Aufstieg zur Silvretta Hochalpenstraße. Es ist erst Freitag, der Motorterrorismus ist aber schon äußerst lästig. Ich überlege, ob ich statt über die Bielerhöhe am Speichersee Kops vorbeifahren soll. Da gibt es ein kleines für KfZ gesperrtes Sträßchen, in den Karten oft nur als Wanderweg eingezeichnet. Ein gutes Stück davon ist geteert, aber weiter oben wird es wirklich fast zum Wanderweg und man muss das Liegerad zweihundert Höhenmeter schieben. Also doch lieber auf der Mautstraße die lärmenden Stinker ertragen.

Wenn man am Vermunt Stausee ankommt, könnte man meinen, man hätte die Passhöhe erreicht. Aber bis zum Silvretta Stausee sind es nach der Straßenbiegung hinter dem Berg nochmal dreihundert Höhenmeter. Wie jedesmal ist der Anblick des Silvrettastausees umgeben von den Bergen der Silvrettagruppe beeindruckend – diesesmal ganz besonders, weil ich in meinem norddeutschen Flachlandexil stark unter dem Alpenentzug leide.

Dieses Jahr habe ich dazu noch ganz besonderes Glück, denn es hat schon geschneit und die Gipfel sind mit feinem Puderzucker überzogen. Die Verzuckerung verdeutlicht die dreidimensionale Struktur der Gebirge da die Flächen, die senkrecht zur Blickrichtung stehen, dunkler erscheinen während die schrägen Flächen einen helleren Eindruck erzeugen. Oder liegt es daran, daß auf den eher flachen Stellen mehr Schnee liegt als auf den steilen? Naja, jedenfalls spürt man die dritte Dimension nicht nur in den Beinen, sondern man sieht sie auch. Auch in der Bewegung wird die Dreidimensionalität sichtbar. Das Panorama ändert sich mit jedem gefahrenen Meter und jedem Höhenmeter. Wohingegen im Flachland der Horizont beinahe statisch ist. Man kommt sich dort vor wie ein zweidimensionaler Bewohner von Edwin Abbotts Flatland.

Ja, in den Bergen siehst und fühlst du die dritte Dimension nicht nur, sondern du riechst sie auch. Wenn dir eine Blechkiste mit stinkenden Bremsen entgegenkommt, weißt du, daß du noch einige Höhenmeter vor dir hast. Wie immer lasse ich die Bielerhöhe möglichst schnell hinter mir, weil die vielen (Motor)Touristen dort ziemlich nerven. Bei der Abfahrt nach Landeck kann das Liegerad seine ganze Stärke ausspielen. Das Gefälle ist gering, die Straße übersichtlich und wenig kurvig. Den größten Teil der angesammelten potenziellen Energie kann man hier wieder in kinetische Energie umsetzen und rollend an den wild strampelnden Rennradlern vorbeiziehen. Natürlich, es ist nicht nur die bessere Aerodynamik sondern auch das höhere Gewicht (die Packtaschen meine ich, nicht meinen Bauch!), also die größere potenzielle Energie, die mich hinuntertreibt. Dafür war ich aber auch bergauf entsprechend langsam.

Reschenpass Bearbeiten

Reschensee Dalli Rennrad.jpg

Blick auf den Reschensee von der autoarmen Nebenstrecke

Landeck und Umgebung sind natürlich wieder total blechkistenverseucht. Ein paar Kilometer südlich kommt endlich die Brücke über den Inn zur autoarmen Nebenstrecke. Aber ab dem Aufstieg zum Reschenpass wird es wieder übel.

"Ja, es sind eben gar zu viele Menschen auf der Welt. Früher merkte man es nicht so. Aber jetzt, wo jeder nicht bloß Luft atmen, sonden auch ein Auto haben will, jetzt merkt man es eben.", sagte Harry Hallers Freund Gustav in Herrmann Hesses Roman der Steppenwolf aus dem Jahr 1955.

Als ich auf dem Reschenpass ankomme, ist schon ziemlich spät. Also nehme ich mir in Reschen ein Hotelzimmer und hebe mir die Abfahrt ins Vinschgau für morgen auf.

Das war wohl ein Fehler. Denn am Samstagmorgen lärmen nicht nur die üblichen Motortouristen, sondern auch noch die Stilfserjoch-Radler, die mit dem Fahrrad auf dem Autodach anreisen. Peter Amslinger nannte das mal den rollenden Radweg. Den Reschensee kann man auf der Westseite mit ein paar zusätzlichen Höhenmetern autoarm umfahren. Der ausgeschilderte, straßenabseitige, aber schmale Radweg ins Vinschgau taugt aber höchstens für die Auffahrt.

Stilfser Joch Bearbeiten

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Kurz vor der Passhöhe – ein Blick zurück

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Abfahrt vom Umbrailpass mit Blick auf's Stilfser Joch

Je mehr ich mich Prad, dem Beginn des Aufstiegs zum Stilfser Joch nähere, umso größer wird die Zahl der rollenden Radwege. Fast 7000 Radler – das sind über 2000 Autos, die aus München, Milano und weiß Gott woher angefahren kommen, um endlich mal autofrei in den Bergen zu radeln.

Hat so ein autofreier Tag überhaupt was mit Umweltschutz zu tun? Ein richtiger internationaler autofreier Sonntag wäre da bestimmt wirksamer. Man stelle sich das mal vor: die ganzen Alpen einen Tag lang autofrei. Diese Ruhe! Einen ganzen Tag lang radeln ohne Gestank und Lärm. Leider nur ein Traum.

Aber wenigstens für die nächsten vier bis fünf Stunden werde ich meine Ruhe vor dem motorisierten Wahnsinn haben. Absolute Ruhe habe ich dann aber doch nicht. "Paß auf, dass Du nicht einschläfst!" und die vielen anderen altbekannten Sprüche muss ich mir hier häufiger als sonst anhören. Die niedrige Geschwindigkeit läßt einem dann aber auch Zeit für die passenden Erwiderungen. Beim Aufstieg treffe ich einen Stuttgarter mit Liegedreirad und sehr viel Gepäck. Er ist die ganze Strecke mit dem Rad gefahren – außer einem Pass, da nahm er den Zug. Kann ich gut verstehen, bei diesem Wahnsinns Touristenverkehr. Auch einen vorderradangetriebenes Liegerad begegnet mir. Hätte nicht gedacht, daß man damit diese Steigungen ohne Traktionsprobleme befahren kann. Jetzt kommt das steile Stück. Zurückschalten kann ich nicht mehr, ich habe schon den kleinsten Gang. An solchen Stellen sind die Klickpedale äußerst nützlich, denn ohne gleichzeitiges Drücken und Ziehen käme ich hier mit meinem Tourengepäck nur schwer weiter. Wie macht das nur der einbeinige Rennradler, der jedes Jahr hier hoch fährt?

Danach sind die Steigungen wieder erträglich. Die Sonne brennt aber erbarmungslos. Auf dem Liegerad liegt man wie ein Sonnenkollektor. Die Fahrtwindkühlung ist eh geringer als beim Aufrechtrad und bei dem langsamen Bergauffahren fällt die Kühlung fast ganz aus. Größeren Wasservorrat habe ich wg. meines recht schweren Gepäcks diesmal nicht dabei. Auf der Strecke gibt es aber mehrere Verpflegungsstellen. Die erste nachdem meine Wasserflasche leer wurde ist total überlaufen. Bis zur nächsten ist es noch ein ganz schönes Stück. Dort habe ich wirklich eine Pause nötig. Wasser, Saft und Apfelschnitze gibt es kostenlos.

Noch mehr überlaufen als die Verpflegungsstellen ist dann die Passhöhe. Jeder will sich vor dem Superpanorama oder vor der Tafel mit der Höhenangabe fotografieren lassen. Die letzten Höhenmeter zur Passhöhe muss ich durch das Gedränge zu Fuß gehen. Ein Stückchen weiter finde ich dann aber ein einigermaßen ruhiges Plätzchen, um mein verschwitztes T-Shirt vor der Abfahrt zu wechseln. Auch die Nordseite des Stilfser Jochs ist für den motorisierten Verkehr gesperrt, so daß auch die Abfahrt selten erlebte Glücksgefühle erzeugt.

Die Radler, die Auto oder Gepäck im Vinschgau stehen haben, fahren normalerweise über den Umbrailpass wieder zurück. Der ist zwar teilweise nicht asphaltiert, aber auch für ungefederte Liegeräder mit mäßiger Geschwindigkeit befahrbar. Ab Santa Maria geht es dort mit nur leichtem Gefälle auf breiter Straße ins Vinschgau. Da kann man die Vorteile des Liegerads wieder mal richtig auskosten.

Livigno Bearbeiten

Letztes Jahr bin ich über Umbrail-, Ofenpass und durchs Engadin in Richtung Albula] gefahren. Diesesmal will ich über Livigno und den Berninapass. Ein schwerer Fehler!

Livigno ist eine zollfreie Zone und tausende Autler fahren nur dorthin, um zu tanken und Schnaps zu kaufen. Zu meinem Unglück ist dort auch noch ein Motorradtreffen.

So ein Motorrad macht ja nicht viel Sinn, wenn es nur rumsteht. Also wird damit sinnlos herumgefahren. Außerdem: man ist ja in Italien. Da kann man noch mehr Lärm machen. Auch deutsche Motorradfahrer schrauben sich einen lauteren Auspuff an ihre Bomber, wenn sie nach Italien fahren.

Übrigens: Schon Schopenhauer ärgerte sich über den Straßenverkehrslärm. So bezeichnet er das Peitschenklatschen als den unverantwortlichsten und schändlichsten Lärm. Heutzutage ist es das Gehupe und das Aufheulen der Motoren. Hätte mich heute jemand nach meinem Lieblingsfilm gefragt, hätte ich mit "Easyrider" geantwortet – wegen dem Happy End.

Nicht nur Lärm und Gestank sind unerträglich, auch die Hotels sind ausgebucht. Ich bin schon im Begriff, meinen Plan zu ändern und durch den Tunnel in Richtung Zernez zu fahren, finde aber doch noch ein ganz nettes Zimmer. Der Tunnel ist mehrere Kilometer lang, er fällt aber leicht ab, so daß man einigermaßen im Verkehr mitschwimmen kann – habe ich mir von Rennradlern sagen lassen.

Berninapass Bearbeiten

Berninapass Dalli.jpg

Trotzdem ist mir die Route über den Berninapass lieber. Die Aussicht auf die schneebedeckten Gipfel dort ist vergleichbar mit der Aussicht vom Stilfser Joch. Der Verkehr ist am Sonntagmorgen auch nicht mehr oder noch nicht ganz so schlimm, wie am Vortag. Trotzdem bin ich froh, als ich endlich die Straßensperre zum Albulapass passiere.

Albulapass Bearbeiten

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Kinder beim Mountain SlowUp

Hier ist alles viel beschaulicher als am Stilfser Joch. Insgesamt sind es nur ca. 1200 Radler, auch noch über einen längeren Zeitraum verteilt, und die meisten davon fahren auf der interessanteren und anspruchsvolleren Nordseite. Oben auf der Paßhöhe muss man aber doch ganz schön lange für eine Bratwurst anstehen.

Beim Aufstieg fährt ein älterer Herr mit deutlich sichtbarem Bierbauch locker tretend und entspannt lächelnd an mir vorbei. Das gibt's doch nicht! Ich weiß, daß ich langsam bin. Aber so langsam!? Oben klärt sich die Sache. Der Herr fuhr mit einem der Pedelecs, die es hier auszuleihen gibt. Unsportlich? Na und! Immer noch besser als mit dem Auto hochzufahren. Lieber 2000 Pedelecs als 1000 stinkende Autos!

Bei der Abfahrt nach Norden mache ich an einer der Eisenbahnbrücken eine Pause, damit meine heißgebremsten Felgen abkühlen können. Die Bahnlinie hier ist schon eine Besonderheit. Sie windet sich in mehreren Schleifen und Tunnels nach oben. Von der Straße aus sieht man das nicht so gut. Man sollte die Strecke echt mal mit der Bahn fahren.

Lenzerheide, Chur Bearbeiten

Die weitere Abfahrt geht recht flott und ich entscheide mich über Lenzerheide nach Chur zu fahren. Bei der Auffahrt nach Lenzerheide überholt mich ein Rennradler mit irrem Tempo – keine Chance dem hinterherzukommen. Nach der nächsten Kurve sehe ich ihn wieder – wie er gerade sein Rennrad ins Auto lädt, das er hier in einem Waldweg geparkt hat.

Die Abfahrt nach Chur ist ein Genuß: schöne Kehren, guter Belag und immer wieder mal ein netter Blick ins Rheintal und auf die angrenzenden Berge. Chur selber ist, wie Städte halt so sind, ziemlicher Mist. Man darf nicht den Fehler machen den roten Radroutenschildern zu folgen. Schmale Schotterwege, Radwege entlang der Autobahn, Radwegführung durch Wohngebiete mit unübersichtlichen Rechts-Vor-Links-Kreuzungen oder durch LKW-verseuchte Industriegebiete.

"Veloland Schweiz" – die größte Mogelpackung seit der Erfindung der lila Kuh.

Von Chur bis Landquart ist zwar nicht gerade wenig Verkehr, aber durch das leichte Gefälle und den meistens vorhandenen Rückenwind ist das eine schöne Schnellfahrstrecke.

Was das Dessert beim Essen ist der Luziensteig bei dieser Radtour. Nochmal schöne zweihundert Höhenmeter über dem Rheintal nach Lichtenstein.

Ab Lichtenstein nimmt der Verkehr aber stark zu. Die Erinnerung an die Motorhölle Dorbirn-Bregenz-Lindau bringt mich dazu, schon in Feldkirch in den Zug zu steigen.

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